Mathilde Rosier

Die französische Künstlerin Mathilde Rosier (*1973 Paris) arbeitet medienübergreifend in den Bereichen Videokunst, Performance, Objektkunst und Malerei.

Viele ihrer poetischen Rauminstallationen und begehbaren Environments – mit denen sie in den letzten Jahren internationale Aufmerksamkeit erregt hat – entfalten sich im Spannungsfeld von figurativer Zeichnung, Malerei, Objektkunst, Film und choreografisch angeleiteten Performances mit Tänzern und Schauspielern. Zeichnungen werden mit skulpturalen Assemblagen und filmischen Sequenzen kombiniert oder mit performativen Handlungen der Künstlerin selbst untermalt. 

Rosiers Environments sind zumeist Erzählungen zwischen Realität, Fiktion und Traum, in denen sich archaische Rituale, unbewusste Sehnsüchte und Wünsche spiegeln. Häufig wiederkehrende Motive in ihren Arbeiten verweisen als ‚Urbilder‘ auf die vielfältigen Quellen der Künstlerin, die sowohl auf Sigmund Freuds psychoanalytische Traum- und Symboldeutung rekurrieren, als auch von kulturhistorischen Artefakten und Funden bei historischen Ausgrabungen inspiriert sind. In jüngster Zeit kreisen Rosiers Arbeiten um kollektive kulturelle Chiffren, die als Ausdruck einer tradierten Kultur oder Epoche ihre Kraft und Relevanz in unserer heutigen Zeit verloren haben.

Mit Let’s get lost hat Mathilde Rosier eine auf die Abtei Brauweiler zugeschnittene Rauminstallation geschaffen, deren Ausgangspunkt rituelle Tänze bilden. Als dritten Teil einer Serie von Filmen befragt die Künstlerin die Bedeutung des Tanzes als eigenständige Kunstform und richtet den Blick darüber hinaus auf die unterschiedlichen, durch Körpersprache evozierten verschlüsselten Gesten und symbolhaften Gebärden, die sich kulturabhängig und in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen entwickelt und ausgeprägt haben. Während sich die erste Arbeit der Serie mit lokalen Tänzern im Elendsviertel Mathare in Kenia beschäftigt, arbeitet sie im zweiten Film mit Jugendlichen einer Einrichtung für neuropsychiatrische Erkrankungen in Frankreich. In der aktuellen Ausstellung liegt der Schwerpunkt auf der klassischen Tanzform des Balletts. Dabei löst die Künstlerin ganz in der Tradition des „Cinéma Pur“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts mittels Kameraeinstellung, Schnitt und Montage die Bilder von jeglichen narrativen Inhalten zugunsten einer rein visuellen Wirkung von Formen und Farben. 

Let’s get lost mutet wie ein begehbares Bühnenbild an, welches den Betrachter als Protagonisten mit einbezieht. Die Installation, die aus filmischen Elementen und frei im Raum platzierten Gouache-Malereien besteht, spiegelt Rosiers Interesse am Tanz als archaischer Körpersprache sowie der korrespondierenden Beziehung zwischen Körper und Raum. Durch die gekonnte räumliche Inszenierung wird das Winterrefektorium zur Bühne für eine ritualbehaftete Kunstform, die seit Ludwig XIV und dem französischen Barocktanz des ausgehenden 17. Jahrhunderts ein eigenes tänzerisches Sprach- und Ausdrucksvokabular entwickelt hat. Als höfisches Zeremoniell war der frühe Balletttanz ursprünglich Ausdruck einer ‚Haltung‘, mit welcher man seine Rolle bei Hof und in der Gesellschaft zeigte, während die Verbindung von italienischen und französischen Tanzelementen im Dienst höfischer Machtdemonstration stand und politische Botschaften transportierte. 
Ausgehend von 5 Grundpositionen wurde durch ein festgelegtes System von Schritten und Körperbewegungen vor allem Präsenz, vollendete Höflichkeitsgebärden und Reverenz-Erweisungen vorgeführt, später auch Stimmungen und Gefühle bildlich vermittelt. Kostüme, Requisiten und Bühnenbild flankierten die Tanzgebärden und wurden in ihrer Eigenschaft als Accessoire zu Symbolträgern der Handlung. 

Mathilde Rosier verflicht die dokumentarisch anmutenden Bilder von Tänzern der Filmprojektion mit luziden Gouache-Malereien. Unterschiedlich gekleidete Figuren erscheinen als flache Silhouetten auf Papier, als eine bunte Schar surrealer Gestalten, deren Kostüme einem Potpourri unterschiedlicher Epochen und Stile entsprungen zu sein scheinen. Sie muten wie vergessene, heute nahezu unbekannte Urbilder an, die im Kontext der Ausstellung zu bildgewordenen Inkunabeln des tänzerischen Formenrepertoires werden. Als Cut-Out oder Scherenschnitt auf raue Spanplatten montiert, forciert Rosier den Kontrast zwischen dem unbearbeiteten, rauen Bildträger und der fragilen Ästhetik der Bilder. 

Indem sie die filmischen Sequenzen und statischen Bilder auf dem Kopf stehend präsentiert, erzeugt die Künstlerin ein in höchstem Maße abstrahierendes Moment. Die Körpersprache der Tänzer transformiert zur rätselhaften Geste, die kaum noch dechiffrierbar und entschlüsselbar ist, letztlich aber den codierten Charakter der Bewegung betont. Kausale und narrative Zusammenhänge werden gebrochen, verflüchtigen sich und lassen die Tanzbewegungen zu abstrakten Mustern und Zeichen werden.

Mit der ‘Verkehrung’ der Bilder im Raum konterkariert und bricht die Künstlerin nicht nur den intellektuellen Prozess von gewohnter Wahrnehmung und Erkenntnis, sondern unterzieht Raum und Figuren einer vollkommen neuen Perspektive. Erzeugt der Verlust von Sinnzusammenhängen zunächst ein Gefühl der Leere und des – wie der Titel suggeriert - ‘Verlorenseins’, knüpft Rosier damit in subtiler Weise an die missbräuchliche Nutzung der klösterlichen Räume als psychiatrische Anstalt und Gefängnis an, in denen die Insassen durch die erzwungene Isolation häufig den Bezug zur eigenen Persönlichkeit verloren. Im Kontext der Ausstellung führt die Unfähigkeit, das Gesehene einem logischen Kontext oder einer stringenten Handlung zuzuordnen, zu einer unbewussten, intuitiven und letztlich kontemplativen Wahrnehmung des Gesehenen.

Mathilde Rosier (*1973 Paris) studierte von 1991–1994 Wirtschaftswissenschaften an der Dauphine Universität in Paris und schloss von 1997–1999 ein Kunststudium an der École Nationale Supérieure des Beaux Arts u.a. bei Christian Boltanski in Paris an. Sie war mit Einzelausstellungen und Performances im Camden Arts Centre London, Kunstverein Hannover sowie dem Musée Jeu de Paume Paris zu sehen und nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen u.a. in der Galleria d’Arte Moderna in Mailand, dem Kunsthaus Graz, dem Abteiberg Museum in Mönchengladbach, der Staatsgalerie Stuttgart und der Kunsthalle Baden-Baden teil. 
Mathilde Rosier lebt und arbeitet im französischen Burgund und in Berlin.

Di bis So 14 bis 17 Uhr
und auf Anfrage

kuratiert von Nadia Ismail und Astrid Legge

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